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Straßenfotografie bei Nacht: So fotografieren Sie die Stadt am Abend

Veröffentlicht am 29 Oktober 2026

Ende Oktober wird die Uhr eine Stunde zurückgestellt. Sie gewinnen eine Stunde Schlaf und geben dafür Ihren Nachmittag her. Gegen sechs ist es draußen dunkel. Wer nach der Arbeit noch eine Runde raus will, läuft plötzlich durch eine andere Stadt.

Junge Frau mit Brille und Pelzmütze am Abend in einer beleuchteten Einkaufsstraße in Amsterdam, mit vielen Lichtern im Hintergrund
Amsterdam am Abend. Die ganze Einkaufsstraße wird zu einer einzigen großen Lampe.

Ich finde das eigentlich keine schlechte Nachricht. Abends kommt das Licht aus Schaufenstern, Straßenlaternen und Fenstern. Die Menschen gehen schneller, den Kragen hochgeschlagen. Und alles, was tagsüber im Hintergrund für Unruhe sorgt, verschwindet einfach im Schwarz.

Straßenfotografie bei Nacht verlangt allerdings andere Entscheidungen als tagsüber. Ihre Kamera muss mehr leisten, das Scharfstellen wird schwieriger, und mit dem Rauschen müssen Sie sich ein wenig anfreunden. Die Grundlagen für den Tag finden Sie in die besten Einstellungen für Straßenfotografie. Hier geht es darum, was sich ändert, wenn die Sonne weg ist.

Die blaue Stunde

Der schönste Moment kommt oft kurz nach Sonnenuntergang. Der Himmel ist noch nicht schwarz, sondern tiefblau, während die Laternen und Schaufenster schon leuchten. Das ist die blaue Stunde. Eine Stunde dauert sie übrigens selten. Eher zwanzig Minuten bis eine halbe Stunde, je nach Jahreszeit und Wetter.

In dieser kurzen Zeit passt vieles zusammen. Der Himmel ist noch hell genug, um Dachlinien und Silhouetten erkennen zu lassen, und auf der Straße leuchtet schon das warme Kunstlicht. Oben Blau, unten Orange. Wenn Sie in Farbe fotografieren, nehmen Ihnen diese beiden Farben einen großen Teil der Arbeit ab. Über diese Entscheidung habe ich schon in Straßenfotografie in Schwarz-Weiß oder Farbe geschrieben.

Am besten sind Sie schon vor Ort, bevor es losgeht. Suchen Sie sich Ihren Platz, solange es noch hell ist. Dann müssen Sie während der blauen Stunde nicht mehr suchen. Zwanzig Minuten sind schnell vorbei.

Das Licht kommt jetzt von der Stadt

Tagsüber suchen Sie das Sonnenlicht, wie ich es in mit Licht und Schatten auf der Straße fotografieren beschrieben habe. Abends bleibt das Prinzip gleich, nur die Lichtquelle ändert sich. Sie suchen eine Stelle, auf die Licht fällt, und warten, bis jemand hineintritt.

Schaufenster eignen sich dafür bestens. Ein beleuchtetes Schaufenster ist eigentlich eine große Softbox auf Augenhöhe. Wer davor stehen bleibt, bekommt weiches Licht ins Gesicht, während der Rest der Straße dunkel bleibt. Ein besseres Studio gibt es kostenlos nirgendwo.

Straßenlaternen werfen härtere Lichtkreise auf den Gehweg. Damit können Sie spielen, genau wie mit einem Lichtfleck am Tag: ein leerer Kreis, ein wenig Geduld und jemand, der gerade hindurchläuft.

Dann sind da noch die Bildschirme. Werbedisplays an der Bushaltestelle, Leuchtschriften, das Handy, das jemand direkt vors Gesicht hält. Dieses Handylicht finde ich immer seltsam, kalt und bläulich von unten. Es erzählt allerdings sehr genau etwas darüber, wie wir uns heute durch eine Stadt bewegen.

Hohe ISO ist kein Drama

Das ist meiner Meinung nach die größte Hürde. Sie stellen ISO 400 ein, sehen, dass das Foto zu dunkel wird oder verwischt, und denken schon ans Heimgehen.

Die ISO darf ruhig höher. Bei 3200 liefern die meisten modernen Kameras noch gute Fotos, bei 6400 oft auch. Ja, es rauscht. Aber mir ist ein scharfes Foto mit Korn lieber als ein verwischtes ohne.

Rauschen ist übrigens nicht automatisch hässlich. Schauen Sie sich einmal Straßenfotos aus der Zeit der hochempfindlichen Filme an: Korn gehörte einfach dazu. In Schwarz-Weiß funktioniert das noch besser. Ein Foto von einer nassen Straße um zehn Uhr abends darf aussehen, als wäre es um zehn Uhr abends entstanden.

Fotografieren Sie in RAW, damit Sie hinterher Spielraum haben. Und gehen Sie mit der Rauschreduzierung in Ihrem Bildbearbeitungsprogramm vorsichtig um. Ich bearbeite meine Fotos in Capture One, und auch dort gilt: Wer zu viel wegbügelt, macht Gesichter aus Plastik. Lieber ein bisschen Korn stehen lassen.

Verschlusszeit und Blende

Auf meiner Straßenfotografie-Checkliste steht mindestens 1/250 Sekunde. Abends schaffen Sie das oft nicht, ohne die ISO in unsinnige Höhen zu treiben. Irgendwo müssen Sie also nachgeben.

Bei jemandem, der gemächlich geht, kommen Sie mit 1/125 Sekunde meistens noch hin. Steht jemand vor einem Schaufenster oder an einer Bushaltestelle still, geht auch 1/60. Bei längeren Zeiten wird es schwierig, die Kamera selbst ruhig zu halten, es sei denn, Sie können sich an eine Mauer oder einen Pfosten lehnen.

Die Blende geht weiter auf. Während Sie tagsüber ungefähr bei f/8 liegen, landen Sie abends eher bei f/2,8 oder f/2, sofern Ihr Objektiv das zulässt. Das bringt mehr Licht, aber auch weniger Schärfentiefe. Darauf komme ich gleich zurück, denn das merken Sie beim Scharfstellen.

Auto-ISO mit einer Begrenzung der längsten Verschlusszeit ist abends eine angenehme Kombination. Sie wählen die längste Verschlusszeit, die Sie noch akzeptabel finden, und eine Blende. Die Kamera regelt die ISO bis zu einer Obergrenze, die Sie selbst festlegen. Dann müssen Sie unterwegs nicht ständig rechnen.

Ein lichtstarkes Objektiv macht im Dunkeln wirklich einen Unterschied. Welche Brennweiten auf der Straße gut funktionieren, lesen Sie in welche Kamera und welches Objektiv für Straßenfotografie.

Scharfstellen im Dunkeln

Tagsüber ist Zonenfokus für mich die schnellste Arbeitsweise. Sie stellen manuell auf eine feste Entfernung scharf, wählen eine kleine Blendenöffnung, und alles innerhalb eines bestimmten Bereichs ist ausreichend scharf. Über den Autofokus müssen Sie dann nicht mehr nachdenken.

Abends funktioniert das weniger gut. Bei f/2 oder f/2,8 wird dieser scharfe Bereich deutlich schmaler. Was tagsüber ein paar Meter Spielraum waren, ist jetzt nur noch ein schmaler Streifen. Steht Ihr Motiv knapp davor oder dahinter, ist es unscharf. Fertig.

Dafür gibt es zwei Lösungen. Die erste ist manuelles Scharfstellen, diesmal aber ganz genau auf eine einzige Stelle. Wählen Sie einen Lichtfleck vor einem Schaufenster, stellen Sie exakt darauf scharf und warten Sie, bis jemand auf diesem Stück Gehweg steht. Sie arbeiten dann eher wie ein Angler als wie ein Jäger.

Die zweite Lösung: einfach zurück zum Autofokus. Moderne Kameras stellen bei wenig Licht besser scharf, als Sie vielleicht denken, besonders wenn etwas Kontrast da ist. Ein beleuchtetes Gesicht vor einem dunklen Hintergrund zum Beispiel. Es dauert nur etwas länger. Rechnen Sie mit einer kleinen Verzögerung und lösen Sie lieber etwas zu früh aus als zu spät.

Bewegungsunschärfe als bewusste Entscheidung

Manchmal hilft es, die Sache umzudrehen. Wenn es mit der Schärfe ohnehin nicht klappt, können Sie die Bewegung auch nutzen.

Stellen Sie die Verschlusszeit auf 1/15 oder 1/8 Sekunde und lassen Sie Menschen an sich vorbeilaufen. So entstehen Lichtspuren und schemenhafte Menschen vor einem unbewegten Hintergrund. Oder Sie ziehen die Kamera mit einem Radfahrer mit, sodass er einigermaßen scharf bleibt und die Lichter hinter ihm zu Streifen werden.

Das geht oft schief. Wirklich oft. Aber wenn es klappt, zeigt so ein Foto besser als eine gestochen scharfe Aufnahme, wie voll und schnell eine Stadt am Abend ist.

Der Unterschied zwischen einem misslungenen Foto und einer bewussten Entscheidung liegt meistens im restlichen Bildausschnitt. Ist etwas im Bild unbewegt und scharf, etwa eine Fassade oder eine Straßenlaterne, wirkt die Bewegung beabsichtigt. Ist alles verschwommen, sieht es nach einem Versehen aus. Wie Sie so einen Bildausschnitt aufbauen, lesen Sie in Komposition in der Straßenfotografie.

Nasse Straßen und Spiegelungen

Ein nasser Abend ist oft besser als ein trockener. Nach einem Regenschauer wird jede Straße zum Spiegel. Laternen, Scheinwerfer und Schaufenster spiegeln sich im Asphalt. Eine langweilige Straße hat plötzlich doppelt so viel Licht.

Ich fotografiere auch einfach im Regen. Darüber habe ich einen eigenen Artikel geschrieben: Fotografieren im Regen. Abends wirkt das noch stärker, weil es so viel mehr Lichtquellen gibt, die sich in den Pfützen spiegeln.

Suchen Sie sich eine Pfütze und gehen Sie in die Hocke. Sie können die Spiegelung statt der Person fotografieren oder beide in einem Bild festhalten. Auch wenn es wieder trocken wird, gibt es noch genug zu sehen. Die halbe Stunde nach einem Schauer, wenn die Straßen noch glänzen und die Regenschirme gerade zugeklappt sind, ist oft der schönste Teil des Abends.

Neben Pfützen dienen auch Fenster und glänzende Autodächer als Spiegel. Ihr Hintergrund wird dann zum Vordergrund. Das ist ein bisschen Tüftelei, aber dabei entstehen Fotos, die man einen Moment länger anschauen muss, um zu verstehen, was man sieht.

Festbeleuchtung, wenn der Dezember näher rückt

Je näher der Dezember kommt, desto mehr Lichter hängen in der Stadt. Lichterketten über Einkaufsstraßen, beleuchtete Bäume, Schaufenster, die sich plötzlich besonders viel Mühe geben. Das Foto zu diesem Artikel zeigt, was das bewirkt: Eine gewöhnliche Einkaufsstraße wird hinter einer Person zum Meer aus kleinen Lichtpunkten.

Bei offener Blende werden diese Punkte zu weichen Kreisen. Das kann schön sein, wird aber auch schnell kitschig. Ich finde es am stärksten, wenn die Lichter etwas über den Ort oder den Moment erzählen und nicht bloß Dekoration sind.

Achten Sie dabei auf die Belichtung. Die vielen hellen Punkte können Ihren Belichtungsmesser durcheinanderbringen. Messen Sie die Belichtung am Gesicht oder an Ihrem Motiv, nicht an den Lämpchen. Was im Licht steht, muss stimmen. Der Rest darf dunkel sein.

Wer im November bei der Masterclass in London dabei ist, erlebt die Stadt schon in Weihnachtsstimmung. Wir fotografieren dort tagsüber, von 10 bis 15 Uhr. Den Abend haben Sie für sich, und der beginnt in London im November angenehm früh.

Beleuchtete Fenster und die Grenze zum Privaten

Abends passiert etwas, das tagsüber nicht passiert: Häuser werden durchsichtig. Hinter beleuchteten Fenstern sehen Sie Menschen kochen, fernsehen oder am Tisch sitzen. Ich finde, das gehört zu den fotogensten Dingen, die eine Stadt im Dunkeln zu bieten hat. Hier wird Straßenfotografie allerdings auch heikel.

Von öffentlichen Straßen aus zu fotografieren, ist in den Niederlanden grundsätzlich erlaubt. Ein Foto zu machen ist aber etwas anderes, als es zu veröffentlichen. Wer im eigenen Wohnzimmer sitzt, kann schnell ein berechtigtes Interesse am Schutz seiner Privatsphäre haben. Um solche Interessen geht es beim niederländischen Porträtrecht. Wie das funktioniert und was in Belgien anders ist, lesen Sie in Darf man Menschen auf der Straße fotografieren?. Keine Rechtsberatung, aber ein guter Anfang.

Neben dem Gesetz gibt es Ihre eigene Ethik. Die finde ich hier mindestens genauso wichtig. Eine Fassade voller beleuchteter Fenster mit kleinen Figuren darin ist etwas anderes als die Nahaufnahme eines Menschen in seiner eigenen Küche. Wo Ihre Grenze liegt, wägen Sie selbst ab. Wie ich darüber denke, habe ich in Ethik in der Straßenfotografie aufgeschrieben.

Sicher unterwegs

Die Dunkelheit bringt auch ganz gewöhnliche, praktische Sorgen mit sich.

Achten Sie auf Ihre Sachen. Eine Kamera um den Hals fällt in einer dunklen Straße stärker auf, als Sie denken. Eine Handschlaufe und eine kleine Tasche, in der die Kamera schnell verschwindet, helfen. Nehmen Sie einen Ersatzakku mit, denn bei Kälte ist der Akku schneller leer, als Sie es gewohnt sind.

Gemeinsam unterwegs zu sein ist sicherer und auch einfach geselliger. Zu zweit fühlt man sich beim Warten vor einem Schaufenster weniger unwohl. Falls Ihnen das Warten ohnehin schwerfällt, hilft Ihnen vielleicht sich trauen, auf der Straße zu fotografieren. Beim 1:1-Workshop wählen Sie übrigens selbst die Stadt und können kostenlos einen Freund oder eine Freundin mitbringen.

Und ziehen Sie sich warm an. Klingt nach etwas, das Ihre Mutter sagt, aber im November an einem Lichtfleck herumzustehen ist eine kalte Angelegenheit. Kalte Finger und kleine Einstellräder vertragen sich nicht gut.

Einfach anfangen

Die Dunkelheit ist kein Grund, bis zum Frühjahr zu warten. Es ist eine andere Jahreszeit, mit anderen Fotos. Beginnen Sie mit einer kurzen Runde direkt nach Sonnenuntergang, in einer Stadt, die Sie gut kennen. Bei mir ist das Nijmegen, dessen Innenstadt ich wie meine Westentasche kenne. Gerade dort fällt mir auf, was das Licht mit Orten macht, an denen ich tagsüber vorbeigehe, ohne hinzusehen.

Was Sie tagsüber gelernt haben, gilt auch abends. Warten Sie, achten Sie auf Ihren Hintergrund, kehren Sie an denselben Ort zurück. In meinen Tipps zur Straßenfotografie finden Sie fünfzehn davon.

Möchten Sie lieber gemeinsam sehen lernen? Schauen Sie sich die Straßenfotografie-Workshops an oder kommen Sie für zwei Tage zu REFRESH in Paris oder London.

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