Die besten Einstellungen für Straßenfotografie (und wann ich Zonenfokus nutze)
Auf der Straße haben Sie selten Zeit, an Knöpfen zu drehen. Jemand tritt aus einer Tür, schaut kurz zurück, und zwei Sekunden später ist der Moment vorbei. Wenn Sie dann noch scharfstellen, haben Sie ein Foto von einem Rücken.
Meine Kameraeinstellungen für die Straßenfotografie sollen deshalb vor allem dafür sorgen, dass die Kamera bereit ist, bevor etwas passiert. Sie stellen alles ein, bevor Sie losziehen oder wenn Sie sich irgendwo hinstellen und warten. Danach möchten Sie eigentlich nicht mehr darüber nachdenken.

In diesem Artikel gehe ich die Einstellungen durch, die auf der Straße einen Unterschied machen. Außerdem erkläre ich, wann ich Zonenfokus nutze. Eine Kurzfassung dieser Faustregeln finden Sie auf meiner Straßenfotografie-Checkliste. Wenn Sie erst einmal wissen möchten, worauf es neben der Technik ankommt, lesen Sie die fünfzehn Lektionen, die ich erst nach Jahren gelernt habe. Darin geht es fast nirgends um Knöpfe. Das hat seinen Grund.
Verschlusszeit: 1/250 Sekunde oder kürzer
Wenn ich eine einzige Einstellung auswählen müsste, wäre es diese. Auf der Straße bewegt sich alles. Menschen gehen, fahren Rad, drehen den Kopf. Und Sie selbst stehen auch nicht immer still.
Meine Faustregel: 1/250 Sekunde oder kürzer. Damit frieren Sie die Bewegung eines Fußgängers ein, ohne dass seine Füße oder Hände verwischen. Wird es schneller, etwa bei Radfahrern, rennenden Kindern oder jemandem, der dicht an Ihnen vorbeigeht, sind 1/500 oder 1/1000 Sekunde keineswegs übertrieben.
Bei wenig Licht ist eine längere Verschlusszeit verlockend. Dann bleibt wenigstens der ISO-Wert niedrig. Ich würde es umgekehrt machen. Ein bisschen Rauschen ist fast nie ein Problem. Ein verwischtes Gesicht schon.
Manchmal möchten Sie gerade die Bewegung zeigen: Menschen, die wie Schatten an einer unbewegten Fassade vorbeiziehen, oder einen Radfahrer, mit dem Sie die Kamera mitziehen. Dann wählen Sie bewusst eine längere Verschlusszeit. Darauf komme ich später zurück. Der Unterschied liegt in dieser Entscheidung. Sie wollen die Bewegung selbst im Foto haben. Sie entsteht nicht bloß, weil Ihre Kamera eine längere Verschlusszeit gewählt hat, als es dunkler wurde.
Blende: Setzen Sie auf Schärfentiefe
Bei Porträts möchte man oft eine möglichst offene Blende, um diesen weichen, unscharfen Hintergrund zu bekommen. Auf der Straße ist es meistens umgekehrt.
Dort brauchen Sie Schärfentiefe. Sie haben wenig Zeit, genau scharfzustellen, und die Umgebung ist oft genauso wichtig wie die Person. Die Fassade, das Geschäft, die zweite Person im Hintergrund, die genau in die richtige Richtung schaut: Das soll erkennbar sein.
Auf meiner Checkliste steht f/4.5 oder eine kleinere Blendenöffnung, also eine höhere Zahl. In den meisten Situationen liegen Sie zwischen f/5.6 und f/8 richtig. Tagsüber, bei ausreichend Licht, ist f/8 ein guter Ausgangspunkt. Wird es dunkler, gehen Sie in Richtung f/5.6 oder öffnen die Blende noch weiter. Dafür nehmen Sie etwas weniger Schärfentiefe in Kauf.
Eine kleinere Blendenöffnung verzeiht auch mehr. Liegen Sie beim Scharfstellen einen halben Meter daneben, fällt das bei f/8 oft noch in den scharfen Bereich. Bei f/2 ist das Foto dann misslungen.
ISO und Auto-ISO
ISO so niedrig wie möglich, steht auf meiner Checkliste. Das stimmt, aber auf der Straße bedeutet „so niedrig wie möglich“ etwas anderes als im Studio. Der ISO-Wert kommt zuletzt. Erst wählen Sie eine ausreichend kurze Verschlusszeit und eine Blende, die genug Schärfentiefe liefert. Den ISO-Wert, den Sie danach brauchen, brauchen Sie eben.
Deshalb ist Auto-ISO auf der Straße so praktisch. Sie stellen Ihre Kamera auf manuell oder auf Zeitautomatik, wählen die Blende und lassen die Kamera den ISO-Wert regeln. Legen Sie dabei die längste zulässige Verschlusszeit fest. Bei den meisten Kameras geht das im Auto-ISO-Menü. Stellen Sie dort 1/250 Sekunde ein. Dann erhöht die Kamera zunächst den ISO-Wert, bevor sie eine längere Verschlusszeit wählt.
Legen Sie auch einen maximalen ISO-Wert fest, mit dem Sie leben können. Moderne Kameras vertragen einiges, gerade in Schwarz-Weiß. Da wirkt Rauschen eher wie Filmkorn als wie eine Störung.
Ich selbst arbeite mit einer Fujifilm X100V, einer Kompaktkamera mit fest verbautem Objektiv. Wie Auto-ISO genau funktioniert, unterscheidet sich je nach Kamera und Marke. Schauen Sie deshalb kurz im Menü Ihrer eigenen Kamera nach. Eine Viertelstunde Suchen erspart Ihnen später auf der Straße eine Menge Gefummel.
Manuell, Zeitautomatik oder Vollautomatik?
Welchen Modus Sie wählen, ist weniger entscheidend, als Sie vielleicht denken. Hauptsache, Sie wissen, was die Kamera für Sie entscheidet.
Im manuellen Modus mit Auto-ISO arbeitet die Kamera auf der Straße sehr vorhersehbar. Sie stellen die Verschlusszeit selbst auf 1/250 Sekunde und die Blende auf f/8. Die Kamera regelt nur den ISO-Wert. So wissen Sie, dass Sie Bewegung einfrieren und die Schärfentiefe stimmt. Gehen Sie aus der Sonne in den Schatten, passt sich die Kamera an, ohne dass Sie etwas tun müssen.
Die Zeitautomatik funktioniert ebenfalls gut, solange Sie im Auto-ISO-Menü die längste zulässige Verschlusszeit eingestellt haben. Die Kamera wählt dann die Verschlusszeit, aber keine längere als die von Ihnen festgelegte.
Die Vollautomatik ist nicht verboten. Nur wählt die Kamera dabei manchmal eine lange Verschlusszeit oder eine weit offene Blende. Damit geben Sie die beiden Dinge aus der Hand, die Sie oben bewusst eingestellt haben. Ich würde diesen Modus für den Einstieg nutzen und mich dann möglichst bald davon verabschieden.
Zonenfokus: Wann ich ihn nutze
Jetzt zu dem Punkt, der für mich in bestimmten Situationen den größten Unterschied macht. Viele schrecken davor zurück, weil es technisch klingt. So kompliziert ist es aber nicht.
Beim Zonenfokus stellen Sie nicht auf eine Person scharf, sondern auf eine Entfernung. Sie schalten auf manuelles Fokussieren und stellen die Entfernung auf ungefähr 3 Meter ein. Bei Blende f/8 und einer Brennweite von 28 oder 35 mm ist dann grob alles zwischen zwei und fünf Metern akzeptabel scharf. Wie groß diese Zone genau ist, hängt von Ihrer Kamera, Ihrem Objektiv und Ihren Ansprüchen an die Schärfe ab. Aber die Größenordnung stimmt.
Alles, was innerhalb dieser Zone passiert, ist also scharf. Sie müssen weder warten, bis der Autofokus etwas findet, noch entscheiden, auf welches Gesicht er scharfstellen soll. Sie sehen etwas, heben die Kamera und drücken ab.
Deshalb nutze ich Zonenfokus. Zwischen Sehen und Fotografieren fällt ein Schritt weg. Auf der Straße ist das der Schritt, bei dem am häufigsten etwas schiefgeht. Der Autofokus ist schnell, entscheidet sich aber manchmal für das Falsche. Eine Zone entscheidet nichts. Sie ist einfach da.
Dafür müssen Sie lernen, Entfernungen einzuschätzen. Drei Meter sind ungefähr zwei große Schritte plus eine Armlänge, oder die Breite eines durchschnittlichen Gehwegs plus ein Stück. Eine hilfreiche Übung: Stellen Sie auf drei Meter scharf und gehen Sie durch eine Straße. Schätzen Sie bei jeder Person ein, ob sie sich innerhalb Ihrer Zone bewegt. Nach ein paar Mal geht das von selbst.
Ein angenehmer Nebeneffekt: Sie müssen die Kamera nicht einmal ans Auge halten. Weil die Schärfe schon eingestellt ist, können Sie auch aus Brust- oder Hüfthöhe fotografieren. Ob Sie das möchten, entscheiden Sie selbst. Ich finde es angenehm, dass es geht.
Wann Autofokus sinnvoll ist
Zonenfokus ist keine Religion. Ich würde sagen, ich arbeite etwa 80 % der Zeit mit Autofokus. Ich nehme mir die Zeit. Es gibt Momente, in denen Autofokus einfach besser funktioniert.
Zum Beispiel, wenn Ihr Motiv außerhalb Ihrer Zone liegt. Jemand in zehn Metern Entfernung oder ganz nah, für ein Straßenfoto, das eher in Richtung Porträt geht. Auch wenn es dunkel wird und Sie die Blende weit öffnen müssen, ist Autofokus praktisch. Bei f/2 ist die Schärfentiefe so gering, dass Zonenfokus kaum noch funktioniert.
Wenn Sie Zeit haben, ist Autofokus ebenfalls völlig in Ordnung. Warten Sie vor einer Kulisse darauf, dass jemand in einen Lichtfleck tritt, können Sie vorher auf diesen Lichtfleck scharfstellen. Das ist eigentlich eine Mischform: Sie nutzen den Autofokus, um Ihre Zone festzulegen, und lassen die Schärfe danach unverändert.
Wenn Sie mit Autofokus arbeiten, wählen Sie ein kleines Fokusfeld, das Sie selbst platzieren, oder einen Modus mit Gesichtserkennung. Ein großes automatisches Fokusfeld stellt auf der Straße genauso oft auf einen Laternenpfahl scharf wie auf einen Menschen.
Belichtungskorrektur bei Gegenlicht
Ihre Kamera misst das Licht und versucht, alles ordentlich grau zu machen. Meistens geht das gut. Bei Gegenlicht oder einer hell beleuchteten Mauer neben tiefem Schatten geht es oft schief.
Der Schatten wird mittelgrau, die hellen Stellen brennen aus. Mit der Belichtungskorrektur steuern Sie dagegen. Möchten Sie Silhouetten vor einem hellen Hintergrund? Oder soll ein Lichtfleck wirklich hell bleiben und der Rest dunkel werden? Dann stellen Sie die Belichtungskorrektur auf minus eine oder sogar minus zwei Blendenstufen.
Umgekehrt gilt das auch. Eine weiße Wand, Schnee oder ein hell beleuchtetes Schaufenster können Ihre Kamera dazu verleiten, alles zu dunkel wiederzugeben. Dann korrigieren Sie die Belichtung ein Stück ins Plus.
Schauen Sie nach ein paar Fotos aufs Display oder aufs Histogramm. Sie müssen nicht jedes Foto kontrollieren. Bei einer neuen Lichtsituation reicht ein Blick, um Ihre Einstellung zu prüfen.
Fotografieren Sie in RAW
Das ist vielleicht die einfachste Einstellung von allen: Stellen Sie Ihre Kamera auf RAW. Oder auf RAW und JPEG gleichzeitig, wenn Ihnen die JPEGs Ihrer Kamera gefallen.
Ein RAW-Foto enthält viel mehr Informationen. Damit lässt sich ein Foto, das etwas zu dunkel oder zu hell geraten ist, noch retten. Sie können den Weißabgleich nachträglich ändern. Auch ein Farbfoto können Sie später in Schwarz-Weiß umwandeln, mit deutlich mehr Kontrolle als bei einem JPEG.
Auf der Straße haben Sie nicht immer Zeit für die perfekte Belichtung. RAW lässt Ihnen etwas Spielraum, wenn Sie nicht ganz richtiglagen. Ich selbst bearbeite meine Fotos in Capture One, aber jedes Bildbearbeitungsprogramm kann mit RAW umgehen.
Mitziehen: der Radfahrer auf dem Foto
Zu diesem Artikel gehört ein Foto, auf dem ein Radfahrer scharf zu sehen ist, während der Hintergrund in Streifen vorbeizieht. Das nennt man Mitziehen. Für mich ist es eine der schönsten Ausnahmen von der 1/250-Regel.
Sie wählen eine längere Verschlusszeit. Ich selbst nutze immer 1/15 Sekunde. Folgen Sie Ihrem Motiv mit der Kamera, im gleichen Tempo, in dem es sich bewegt. Sobald es vor Ihnen vorbeikommt, drücken Sie ab. Ziehen Sie weiter mit, auch nachdem sich der Verschluss geschlossen hat. Drehen Sie sich aus der Hüfte mit, nicht nur aus den Armen.
Weil Sie und Ihr Motiv sich gleich schnell bewegen, bleibt das Motiv einigermaßen scharf. Alles, was stillsteht, verwischt zu Streifen. Je länger die Verschlusszeit, desto stärker der Effekt. Und desto mehr Fotos misslingen.
Das gehört dazu. Mitziehen heißt vor allem: viel ausprobieren. Ein Radfahrer ist ein dankbares Motiv, weil er sich geradlinig und mit einigermaßen gleichbleibender Geschwindigkeit bewegt. Stellen Sie sich an einen Radweg, suchen Sie sich eine Stelle mit einem unruhigen Hintergrund und geben Sie sich eine Viertelstunde Zeit.
Ein Spickzettel mit Einstellungen für Straßenfotografie
Sie müssen sich das nicht alles merken. Hier sind ein paar Ausgangspunkte. Keine Gesetze, aber Einstellungen, mit denen Sie sofort losziehen können. Bei allen drei gehe ich von RAW, Zonenfokus auf ungefähr 3 Meter und dem niedrigsten passenden ISO-Wert aus.
Sonniger Tag
- Verschlusszeit: 1/500 Sekunde oder kürzer
- Blende: f/8, bei grellem Licht auch f/11
- ISO: der niedrigste Wert Ihrer Kamera
- Beachten Sie: Bei harten Schatten die Belichtungskorrektur ins Minus setzen
Schatten oder eine Straße zwischen hohen Gebäuden
- Verschlusszeit: 1/250 Sekunde
- Blende: f/5.6
- ISO: Auto-ISO, mit 1/250 Sekunde als längster zulässiger Verschlusszeit
- Beachten Sie: Bei f/5.6 wird die scharfe Zone etwas kleiner. Schätzen Sie die Entfernung deshalb etwas genauer ein
Bewölkt
- Verschlusszeit: 1/250 Sekunde
- Blende: f/5.6 bis f/8
- ISO: Auto-ISO, mit 1/250 Sekunde als längster zulässiger Verschlusszeit
- Beachten Sie: Weiches Licht ist sanft, kann aber flach wirken, gerade in Farbe
Und dann vergessen Sie die Einstellungen wieder
Das Schönste an guten Einstellungen ist, dass Sie nach einer Weile nicht mehr darüber nachdenken. Sie machen Ihre Kamera bereit, gehen auf die Straße und sind nur noch mit Schauen beschäftigt. Dafür sind Sie schließlich rausgegangen.
In meinen Straßenfotografie-Workshops gehen wir deshalb schnell nach draußen. Die Erklärungen bekommen Sie unterwegs. Mit einer Festbrennweite zwischen 28 und 50 mm liegen Sie richtig. Sie können auch mit Ihrem Smartphone teilnehmen. Beim Workshop für konzeptuelle Straßenfotografie bekommen Sie außerdem das niederländischsprachige Buch Straatfotobijbel dazu, mit 101 Tipps und Aufgaben, mit denen Sie zu Hause weiterarbeiten können.
Möchten Sie lieber in Ihrem eigenen Tempo an Ihren Einstellungen arbeiten? Buchen Sie einen 1:1-Workshop in einer Stadt Ihrer Wahl. Wir beginnen mit einem Kaffee und fotografieren danach beide, damit Sie sehen, wie es in der Praxis funktioniert.