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Straßenfotografie schwarz-weiß oder in Farbe? So entscheiden Sie

Veröffentlicht am 21 Oktober 2026

Ein Mann im karierten Jackett, mit einem violetten Hut und einer Sonnenbrille, mitten auf einem Markt. In Schwarz-Weiß ist das ein Mann mit Hut. In Farbe ist es dieser violette Hut.

Für mich steckt darin die ganze Frage. Ob ich bei der Straßenfotografie schwarz-weiß oder in Farbe fotografiere, hängt davon ab, was auf dem Foto passiert. Das ist keine Geschmacksfrage, die man einmal entscheidet und dann nie wieder überdenken muss.

Mann im karierten Jackett mit einem violetten Hut und einer Sonnenbrille auf einem Markt in Middelburg
Ein Markt in Middelburg. In Schwarz-Weiß wäre das einfach ein Mann mit Hut gewesen.

Warum Straßenfotografie so oft schwarz-weiß ist

Wer durch Bücher über Straßenfotografie blättert, sieht viel Schwarz-Weiß. Das hat seine Geschichte. Die Fotografen, die das Genre groß gemacht haben, arbeiteten jahrelang mit Schwarz-Weiß-Film. Dieses Bild hat sich eingeprägt. Mehr dazu lesen Sie in der Geschichte der Straßenfotografie.

Schwarz-Weiß nimmt außerdem viel Ablenkung aus dem Foto. Ein knallgelbes Werbeschild, ein rotes Auto im Hintergrund: In Grautönen verschwindet die Farbe, die Form bleibt. Licht und Schatten erzählen die Geschichte.

Vom kanadischen Fotografen Ted Grant stammt ein bekanntes Zitat, das bei dieser Frage oft auftaucht.

"When you photograph people in color, you photograph their clothes. But when you photograph people in black and white, you photograph their souls!"

Wenn Sie Menschen in Farbe fotografieren, fotografieren Sie ihre Kleidung. Wenn Sie Menschen jedoch in Schwarz-Weiß fotografieren, fotografieren Sie ihre Seele!

Ted Grant

Schön gesagt. Ich stimme ihm allerdings nur zur Hälfte zu. Auf dem Foto oben in diesem Artikel geht es gerade um die Kleidung. Deshalb ist es in Farbe. Ich glaube, etwas von einem Menschen lässt sich in beiden Varianten einfangen. Es kann auch in beiden misslingen.

Farbe spielt bei mir immer die Hauptrolle

Wenn ich in Farbe fotografiere, muss die Farbe etwas beitragen. Sonst hätte das Foto genauso gut schwarz-weiß sein können. In meinem Artikel über Farbe habe ich geschrieben, dass Farbe in meinen Farbfotos immer die Hauptrolle spielt. Zu viel Farbe lenkt dagegen ab.

Das klingt widersprüchlich, aber ein einzelner violetter Hut vor einem ruhigen Hintergrund funktioniert. Derselbe Hut zwischen zehn anderen kräftigen Farben geht unter. Das Auge weiß dann nicht mehr, wo es anfangen soll.

Martin Parr und Alex Webb zeigen das für mich sehr gut. Wenn es um Farbe geht, sind die beiden meine Helden, obwohl sie ganz unterschiedlich arbeiten. Parr fotografiert gewöhnliche Menschen an gewöhnlichen Orten in kräftigen, manchmal fast übertriebenen Farben. Webb baut seine Fotos aus Schichten von Farbe, Licht und Schatten auf. Um diese Schichten geht es auch im Artikel über Komposition in der Straßenfotografie. Mehr über die beiden lesen Sie unter Bekannte Straßenfotografen.

Was Farbe erzählt

Farbe erzählt etwas über den Ort, die Jahreszeit, manchmal auch über die Zeit, in der ein Foto entstanden ist. Ein roter Doppeldeckerbus sagt London, bevor Sie ein Gebäude erkennen. Das tiefe, orangefarbene Licht eines Oktobernachmittags sagt Herbst.

In Schwarz-Weiß geht das verloren. Das kann ein Vorteil sein, weil ein Foto dadurch zeitloser wird. Es kann auch schade sein, wenn gerade diese Information das Foto ausgemacht hat. Die Frage ist also, was verschwindet, wenn Sie die Farbe wegnehmen. Ist es etwas Wesentliches, ist es wahrscheinlich ein Farbfoto.

Komplementärfarben auf der Straße

Was ein Farbfoto stark macht, ist oft der Kontrast. Rot neben Grün, Blau neben Orange. Komplementärfarben liegen sich im Farbkreis gegenüber und verstärken sich gegenseitig.

Auf der Straße begegnen sie Ihnen öfter, als Sie denken. Eine orangefarbene Jacke vor einer blauen Tür. Ein violetter Hut zwischen gelben und grünen Marktständen. Wer einmal darauf achtet, sieht es überall.

Es muss übrigens nicht immer ein Kontrast sein. Ein Foto, auf dem fast alles dieselbe Farbe hat, funktioniert auch. Eine Frau im roten Mantel vor einer roten Fassade, eine Straße, die bis auf einen gelben Regenschirm komplett graublau ist. Je weniger Farben mitspielen, desto stärker wirken die, die da sind.

Es funktioniert wie bei Licht und Schatten auf der Straße. Sie suchen zuerst einen Ort mit der passenden Farbe und warten dann, bis jemand in der richtigen Jacke hineinläuft. Das kann dauern.

Ein Markt ist ein guter Ort, um das zu üben. Es gibt viel Farbe, und eine Kamera fällt dort kaum auf. Das empfehle ich auch im Artikel Trauen Sie sich nicht, auf der Straße zu fotografieren?.

Wann Schwarz-Weiß stärker ist

Es gibt Situationen, in denen ich Schwarz-Weiß für die bessere Wahl halte.

Geht es auf dem Foto um Formen, um Linien, Flächen oder eine Silhouette? Dann lenkt Farbe vor allem von dem ab, worauf es ankommt.

Wenn das Licht selbst die Geschichte erzählt, mit hartem Sonnenlicht und tiefen Schatten, wirkt ein Foto in Schwarz-Weiß oft grafisch und streng. Das passt zu einer hell angestrahlten Fassade in einer dunklen Straße.

Bei Emotionen kommt Ted Grant der Wahrheit schon nahe. Ein Gesicht, eine Geste, zwei Menschen, die einander festhalten: Ohne Farbe schaut man eher auf den Ausdruck. Schwarz-Weiß macht einen Menschen übrigens nicht weniger erkennbar. Für die Frage, ob Sie Menschen auf der Straße fotografieren dürfen, macht es also keinen Unterschied.

Und manchmal sind die Farben einfach unruhig. Eine Straße voller Werbung, Verkehrsschilder und dazu ein knallgrüner Container. Dann ist Schwarz-Weiß die ruhigste Lösung.

Und wann Farbe stärker ist

Farbe gewinnt für mich, wenn die Farbe selbst das Motiv ist, wie bei diesem violetten Hut. Oder wenn zwei Farben im Bild miteinander in Beziehung stehen. Ein roter Mantel, dessen Farbe in einem roten Verkehrsschild weiter hinten wieder auftaucht, zum Beispiel. In Schwarz-Weiß ist dieser Zusammenhang nicht mehr zu sehen.

Auch das warme Licht eines Herbstnachmittags oder die Leuchtreklame an einem verregneten Abend wirken oft in Farbe stärker. Die Stimmung steckt dort in der Farbe, nicht nur im Licht. Nehmen Sie die Farbe weg, bleibt ein dunkles Foto mit ein paar hellen Flecken.

Schwarz-Weiß rettet kein Foto

Was nicht funktioniert: ein misslungenes Farbfoto in Schwarz-Weiß umzuwandeln und zu hoffen, dass es plötzlich Kunst wird. Ich glaube, das hat fast jeder schon einmal versucht. Ein Foto ohne einen besonderen Moment wird dadurch nicht besser. Es wird nur grau.

Schwarz-Weiß verstärkt, was schon da ist. Eine starke Form wird stärker. Ein schwaches Foto bleibt schwach, es sieht nur etwas seriöser aus.

Streng auszuwählen bleibt also nötig, mit oder ohne Farbe. Das steht nicht umsonst unter den Tipps zur Straßenfotografie, die ich erst nach Jahren gelernt habe.

Entscheiden Sie sich vorher

Ich glaube, Sie werden besser, wenn Sie sich entscheiden, bevor Sie auf die Straße gehen. Nicht erst am Computer. Sie schauen dann nämlich anders. Wer in Schwarz-Weiß denkt, achtet auf Licht und Form. Wer in Farbe denkt, sucht nach diesem einen roten Mantel.

Viele Kameras, auch die Fujifilm X100V, mit der ich arbeite, können das Bild im Sucher oder auf dem Display bereits in Schwarz-Weiß anzeigen. So sehen Sie sofort, ob eine Situation ohne Farbe funktioniert. Welche Kamera Sie verwenden, spielt dabei kaum eine Rolle. Mehr dazu im Artikel Welche Kamera und welches Objektiv für Straßenfotografie?.

Fotografieren Sie dabei in RAW. Dann bleiben alle Farbinformationen erhalten, auch wenn Sie auf dem Display Schwarz-Weiß sehen. Sie können sich später also immer noch anders entscheiden. Warum RAW ohnehin praktisch ist, lesen Sie im Artikel über die besten Einstellungen für Straßenfotografie.

Sie können diese Entscheidung auch für einen ganzen Tag treffen. Das klingt streng, aber einen Tag lang nur in Schwarz-Weiß zu arbeiten, schult Ihren Blick mehr als ständiges Wechseln. Beim nächsten Mal machen Sie dasselbe in Farbe.

Auch ohne Kamera können Sie üben. Schauen Sie sich auf der Straße eine Situation an und versuchen Sie, sich die Farbe wegzudenken. Was bleibt übrig? Ein starker Kontrast zwischen Hell und Dunkel oder eine klare Form? Dann haben Sie wahrscheinlich ein Schwarz-Weiß-Foto vor sich. Bleibt nur ein grauer Brei, war es die Farbe, die das Foto ausgemacht hätte.

Schwarz-Weiß mit Farbfiltern bearbeiten

Ein Schwarz-Weiß-Foto ist nicht einfach ein Farbfoto ohne Farbe. Beim Umwandeln bestimmen Sie, welchen Grauton jede Farbe bekommt.

In Capture One, mit dem ich meine Fotos bearbeite, können Sie für jede Farbe festlegen, wie hell oder dunkel sie wird. Wenn Sie Blau abdunkeln, wirkt ein blauer Himmel plötzlich dramatisch. Wenn Sie Rot und Orange aufhellen, wirkt die Haut etwas weicher. Dahinter steckt dieselbe Idee wie bei den Farbfiltern, die Fotografen früher vor ihr Objektiv schraubten, wenn sie mit Schwarz-Weiß-Film arbeiteten.

Probieren Sie es einmal mit einem Foto aus, auf dem viele Farben vorkommen. Mit ein paar Reglern sieht dieselbe Aufnahme ganz anders aus. Gerade bei unruhigen Farben können Sie so Ihr Motiv hervorheben und den Rest zurücktreten lassen.

Gehen Sie mit Kontrast und Schärfe allerdings vorsichtig um. Schwarz-Weiß verleitet dazu, alles härter zu machen. Auf dem Bildschirm sieht das schnell beeindruckend aus, einen Tag später finden Sie es oft zu viel. Ein bisschen Körnung kann schön sein. Ein Foto, das nach Filter aussieht, meistens nicht.

Eine einheitliche Serie

Einzelne Fotos dürfen in alle Richtungen gehen. Sobald Sie sie nebeneinanderstellen, wird es anders. Eine Serie, in der sich Schwarz-Weiß und Farbe mischen, wirkt schnell unruhig. Das Auge springt dann von Foto zu Foto, statt einer Geschichte zu folgen.

Entscheiden Sie sich deshalb für jede Serie. Das gilt für eine Reihe auf Ihrer Website oder in einer Ausstellung und erst recht für ein Buch. In einem Fotobuch wie meinem eigenen The Observer müssen Fotos auf einer Doppelseite nebeneinander bestehen können. Dann ist diese Entscheidung kein Detail mehr.

Für eine Farbserie gilt dasselbe, nur subtiler. Wenn ein Foto warm und gesättigt ist und das nächste kühl und blass, wirkt auch das wie zwei verschiedene Serien. Versuchen Sie, die Farben innerhalb einer Reihe ungefähr in dieselbe Richtung zu bringen. Eine einheitliche Bearbeitung als Grundlage hilft schon viel.

Selbst üben

In meinen Straßenfotografie-Workshops arbeiten Sie mit einem Leitwort wie Rhythmus oder Spiegelung, das Ihren Blick filtert. Schwarz-Weiß oder Farbe können Sie genauso einsetzen. Die Entscheidung bestimmt, worauf Sie schauen, noch bevor Sie etwas fotografieren.

Wenn Sie diese Entscheidung zwei Tage lang in einer Stadt üben möchten, die beides hergibt, ist Paris ein guter Ort. In der Masterclass in Paris gehen wir unter anderem durch Belleville, am Bassin de la Villette entlang und durch die überdachten Passagen.

Lust, es selbst auszuprobieren? Schauen Sie sich die Workshops an oder kommen Sie mit nach Paris.

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