Warum ein Porträtfoto mehr erzählt als Ihr Gesicht
Es gibt ein Foto von mir, das ich seit Jahren auf meinem Handy aufbewahre. Ich sehe darauf nicht besonders gut aus. Aber ehrlich. Das war 2019, ich stand unter Druck, und das sieht man. Nicht an dem, was ich auf dem Foto tue oder sage. Eher an etwas in meinen Augen. Daran, wie meine Schultern hängen.
Das macht ein gutes Porträt aus. Es zeigt, was sich nicht erklären lässt.
Aber was macht aus einem Foto Ihres Gesichts ein Porträtfoto? Ich möchte Ihnen zeigen, worauf ich achte, warum Zeit so viel ausmacht und was Sie selbst dazu beitragen können, dass Sie sich auf dem Foto wiedererkennen.
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Der Unterschied zwischen einem Foto und einem Porträt
Ein Passfoto zeigt auch Ihr Gesicht, aber ein Porträt ist es deshalb noch nicht. Ein Porträt zeigt, wer Sie in dem Moment sind, in dem der Fotograf auf den Auslöser drückt. Nicht, wer Sie sein möchten oder wie Sie auf LinkedIn wirken wollen. Wer Sie sind.

Das klingt etwas abgehoben, ist aber schlicht Fotografie. Licht, Bildaufbau, Timing. Der Unterschied liegt für mich darin, ob sich jemand die Zeit nimmt, Sie kennenzulernen, bevor er zur Kamera greift.
Damit meine ich übrigens nicht, dass ein Fotograf nach einem Gespräch genau weiß, wer Sie sind. So einfach sind Menschen zum Glück nicht. Ein Porträt zeigt etwas von Ihnen, in diesem Moment. Vielleicht sind Sie ausgelassen, vielleicht nachdenklich. Beides gehört zu Ihnen. Sie müssen nicht Ihre ganze Persönlichkeit in ein Foto quetschen.
Auch die Hände erzählen etwas
Bei einem Porträt wandert der Blick schnell zu den Augen. Verständlich. Aber schauen Sie auch einmal auf den Rest. Wie jemand sitzt. Ob die Hände locker aufliegen oder sich irgendwo festklammern. Ob die Schultern hochgezogen sind. Solche Kleinigkeiten beeinflussen, wie ein Foto auf uns wirkt.

Manchmal passiert zwischen den Posen etwas, das interessanter ist als die Pose selbst. Jemand schaut kurz zur Seite, hört zu oder muss über etwas lachen, das gerade gesagt wurde. Die Anspannung im Gesicht lässt ein wenig nach. Dabei kann ein Foto entstehen, auf dem man jemanden plötzlich wiedererkennt.
Das sind keine festen Regeln. Verschränkte Arme bedeuten nicht automatisch, dass jemand verschlossen ist. Vielleicht sitzt es sich so einfach bequem. Und ein ernster Blick muss nicht tiefgründiger sein als ein Lachen. Aus der Stellung einer Augenbraue gleich eine ganze Persönlichkeit abzuleiten, finde ich ziemlich gewagt.
Auch das Licht und Ihre Umgebung erzählen etwas. Licht kann ein Gesicht weicher wirken lassen oder seine Linien betonen. Ein ruhiger Hintergrund hält den Blick bei der Person. Ein Arbeitsplatz kann etwas über ihren Alltag verraten. Die Frage ist immer, was dadurch von jemandem sichtbar wird.
Was bei einem Standardshooting schiefläuft
Sie kennen das. Sie vereinbaren einen Termin, fahren irgendwohin, jemand steht mit einer Kamera bereit. Sie wissen nicht, wohin mit den Händen, setzen ein Lächeln auf und sitzen hinterher im Auto und denken: Das war es also.
Das Problem ist nicht der Fotograf. Das Problem ist die Zeit. Oder dass sie fehlt.
Ein Porträt braucht Zeit. Nicht für die Technik, sondern zum Entspannen. Die ersten zwanzig Minuten vor der Kamera sind fast immer verlorene Zeit. Alle ziehen die Schultern hoch, den Bauch ein und lächeln ein bisschen zu breit. Erst danach, wenn der Fotograf aufhört zu zählen und anfängt hinzuschauen, passiert etwas.
Mit verlorener Zeit meine ich die Fotos, nicht das Eingewöhnen. Das gehört dazu. Sie sind an einen Ort gekommen, an dem Sie gleich genau angeschaut werden. Natürlich beschäftigt Sie da, wie Sie wirken. Dafür müssen Sie sich nicht auch noch Vorwürfe machen.
Entspannen klappt selten auf Kommando
„Seien Sie einfach ganz Sie selbst“ ist eine schwierige Aufforderung, wenn Sie plötzlich überlegen müssen, wie das eigentlich geht. Die erste Reaktion auf eine Kamera ist oft eine Pose. Sie setzen den Gesichtsausdruck auf, von dem Sie glauben, dass er auf ein Foto gehört. Währenddessen überlegen Sie, was Ihr Mund gerade macht, und wissen immer noch nicht, wohin mit den Händen.
Ein Gespräch gibt Ihnen etwas anderes, mit dem Sie sich beschäftigen können. Sie hören zu, antworten, denken kurz nach. Ihre Aufmerksamkeit wandert zu dem, was Sie erzählen. Dabei kann der Blick zum Vorschein kommen, den andere von Ihnen kennen.

So ein Gespräch muss nicht tiefgründig sein. Sie müssen nichts Persönliches erzählen, um ein gutes Porträt zu verdienen. Ein kurzes Gespräch über Ihre Arbeit kann schon reichen, damit Sie nicht ständig an die Kamera denken. Manchmal dauert das Eingewöhnen auch etwas länger. Dafür muss Zeit sein.
Was Sie vor dem Fototermin selbst tun können
Wenn Sie etwas verunsichert, sprechen Sie es vorher an. Vielleicht mögen Sie Ihr Lächeln nicht oder befürchten, dass Sie steif werden, sobald eine Kamera auftaucht. Dann ist es wenigstens ausgesprochen. Sonst achten Sie während des Shootings womöglich ständig darauf, ob genau das passiert, wovor Ihnen ohnehin schon graut.
Wählen Sie Kleidung, die zu Ihnen passt und in der Sie bequem sitzen und sich bewegen können. Eine Jacke, die Sie ständig zurechtziehen müssen, beansprucht Aufmerksamkeit, die Sie lieber für etwas anderes hätten. Sie müssen sich für ein Porträt keine neue Version Ihrer selbst kaufen.
Sie können etwas mitbringen, das zu Ihnen gehört. Ein vertrautes Kleidungsstück zum Beispiel oder einen Gegenstand, der mit Ihrer Arbeit zu tun hat. Er muss nicht mit aufs Foto. Besprechen Sie gemeinsam, ob er etwas beiträgt. Ein Gegenstand kann etwas über Sie erzählen, aber auch ziemlich im Weg sein.
Versuchen Sie, ohne Eile anzukommen. Wer direkt aus einem vollen Terminkalender vor die Kamera tritt, hat womöglich noch das Gefühl, eigentlich schon wieder woanders sein zu müssen. Geben Sie sich einen Moment, um anzukommen.
Erzählen Sie auch, wofür Sie das Foto brauchen und wobei Sie unsicher sind. Das gibt dem Gespräch eine Richtung. Weitere praktische Tipps finden Sie in meinem Artikel darüber, wie Sie sich auf ein Porträtshooting vorbereiten. Die Vorbereitung soll vor allem unnötigen Stress vermeiden. Sie müssen nicht schon zu Hause üben, entspannt auszusehen.
Es macht einen Unterschied, wo das Foto verwendet wird
Für Ihre Arbeit oder LinkedIn möchten Sie vielleicht vor allem gut erkennbar sein. Dann kann ein Headshot passen, bei dem Ihr Gesicht im Mittelpunkt steht. Gerade wenn das Foto klein angezeigt wird, sollte das Gesicht genügend Platz einnehmen. Ein Hintergrund voller Details trägt dann womöglich wenig bei.
Bei einem Buch spielt auch die Gestaltung eine Rolle. Kommt das Porträt auf den Umschlag oder in den Innenteil? Muss Platz für Text bleiben? Solche Fragen sollten Sie vorher besprechen. In meinem Artikel über ein authentisches Porträt für Ihren Buchumschlag gehe ich näher darauf ein.
Wenn Sie etwas von Ihrem Alltag zeigen möchten, kann Ihre Umgebung Teil des Fotos werden. Bei einem Porträt am Arbeitsplatz oder zu Hause erzählt der Ort einen Teil der Geschichte. Dann lohnt es sich, gemeinsam zu überlegen, was davon zu sehen sein soll.

Der Verwendungszweck hilft also bei der Wahl des Ortes, des Bildausschnitts und der Frage, wie viel Umgebung zu sehen sein soll. Entscheidend bleibt, dass Sie sich auf dem Foto wiedererkennen. Auch wenn es für Ihre Arbeit gedacht ist.
Farbe oder Schwarz-Weiß verändert, worauf Sie schauen
Farbe kann etwas beitragen. Die Farbe Ihrer Kleidung oder des Raumes kann zu Ihnen gehören. Ein knallbunter Gegenstand im Hintergrund kann den Blick aber auch vom Gesicht ablenken.
In Schwarz-Weiß fallen diese Farbunterschiede weg. Dadurch können Licht, Linien und der Gesichtsausdruck stärker auffallen. Das macht ein Foto nicht automatisch ehrlicher oder besser. Ein gezwungenes Lächeln bleibt auch ohne Farbe ein gezwungenes Lächeln.
Ich würde die Entscheidung deshalb vom Foto abhängig machen. Was sehen Sie, und was hält Ihren Blick bei dieser Person? Mehr dazu lesen Sie in meinem Artikel über Schwarz-Weiß oder Farbe in der Porträtfotografie. Sie können sich auch meine Schwarz-Weiß-Porträts ansehen, um zu sehen, was sich verändert, wenn die Farbe wegfällt.
Fotos auswählen, ohne nur aufs Kinn zu schauen
Wenn Sie Fotos von sich ansehen, suchen Sie schnell nach dem, was Ihnen nicht gefällt. Die Haare liegen anders als gedacht. Sie sehen eine Falte, Ihr Kinn, etwas, das jemand anderem vielleicht gar nicht auffällt. Ehe Sie sich versehen, beurteilen Sie lauter Einzelteile und verlieren sich selbst aus dem Blick.
Versuchen Sie, zuerst das ganze Foto anzuschauen. Erkennen Sie diesen Blick? Sitzen Sie so, wenn Sie sich mit jemandem unterhalten? Natürlich dürfen Sie auf einem Foto gut aussehen. Aber ich würde mehr Wert darauf legen, dass Sie sich wiedererkennen, als auf ein Gesicht, an dem sich nichts aussetzen lässt.
Lassen Sie jemanden mit draufschauen, der Sie gut kennt. Diese Person erkennt vielleicht einen Ausdruck, der Ihnen selbst kaum auffällt. Schauen Sie sich die Fotos einen Tag später noch einmal an. Und achten Sie auf das Foto, bei dem Sie das Gefühl hatten, gar nichts Besonderes getan zu haben. Vielleicht war das auch gar nicht nötig.
Wie authentische Porträtfotografie für mich aussieht
Ich fange nicht mit dem Fotografieren an. Ich fange mit Kaffee an. Und einem Gespräch. Manchmal über Ihre Arbeit, manchmal über das, was Sie gerade beschäftigt, manchmal über nichts Besonderes. Dabei entspannen Sie sich. Ich mache da nichts Außergewöhnliches. Sie bekommen einfach etwas Zeit, um so zu sein, wie Sie sind.

Und dann, in dem Moment, in dem Sie vergessen, dass ich da bin, nehme ich meine Kamera.
Das Foto, das dabei entsteht, zeigt, wer Sie sind, und nicht bloß, wie Sie aussehen. Das klingt nach einem großen Anspruch, ist aber das Ergebnis davon, sich genug Zeit zu nehmen.
Das meine ich mit authentischer Porträtfotografie. Kein Stil, kein Filter. Eine Arbeitsweise.
Einen Überblick über meine Arbeit finden Sie bei meinen Porträts.
➜ Mehr darüber, wie eine PAUZE-Porträtsession abläuft und was Sie erwartet